Samstag, 19. Juli 2014

Vom Cowgirl/ Insulanerin zum --> Heim@kind


Abb. 1: Des Cowgirls treue Gefährten: Hilde und die Wilde muhen zum Abschied traurig Goodbye bevor wir sie im Rewe als Angus Rindersteak für 2,99 Euro wiedersehen. Fotocredits gehen an Fanni


Das wars also mal wieder. Vier Monate in Irland sind Geschichte und nach krankheitsgeplagten Wochen bin ich nun endgültig in O.C. Graalifornia aka bei Mutti angekommen. Fühlt sich schon komisch an. Jetzt ist die regenbogenbunte Seifenblase namens Auslandsaufenthalt geplatzt und ich muss mich um meine Zukunft in Deutschland kümmern. Das bedeutet, Studium wieder aufnehmen, zurück nach Leipzig ziehen und vor allem darauf setzen, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen Bestand haben. Das Motto "nach mir die Sintflut" zählt nicht mehr. Aber rumheulen will ich jetzt deswegen nicht. Je ne regrette rien.



Irland hat mir noch einmal gezeigt, wie vielfältig Europa ist. Nicht nur, was die irische Kultur anbelangt, sondern auch die meiner Erasmus-Homiez. Und dennoch kam das Gefühl hoch, dass sich Europa-intern einige Ähnlichkeiten auf kultureller Ebene ergeben: menschliche Eigenheiten werden akzeptiert, ein gewisses Umweltbewusstsein an den Tag gelegt und "Pace et Amore" noch großgeschrieben. Irgendwie haut das mit der vielbeschworenen Wertegemeinschaft schon hin... Außerdem habe ich mal wieder gemerkt, dass ich manche Dinge an Deutschland schon ganz gerne mag ("normales" Wetter, Toleranz, Vielfältigkeit, Ordnung im Sinne von Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit) und dass ich in meinem nächsten Leben gerne Französin wäre (diese Eleganz!).


Abb. 2: eben erwähnte Eleganz, waghalsig und grazil halten sich die Waage, was fehlt ist das Bretonshirt und die Gauloises, die lässig im Mundwinkel hängt, laissez-faire ma seur


Da ich ja immer gerne pseudo-tiefgründige Analysen durchführe, hier meine zu Irland: Irgendwie habe ich das Gefühl bekommen, dass die Iren eine gewisse Grundaggressivität an den Tag legen (konzentriert in Dublin). Vielleicht liegt das an der weitläufig bekannten Pubkultur oder aber auch an teilweise härteren Lebensbedingungen (arbeitstechnisch aber vor allem angesichts des Wetters – man mag das ja gar nicht so für vollnehmen, aber wenn es nahezu jeden Tag mindestens einmal regnet und stürmt verändert das die Psyche: Abhärtung bishin zur Schnoddrigkeit). Passend dazu präsentiert sich das irische Englisch, was einfach mal perfekt zu den Menschen passt und mir im Vergleich zu Oklahoma und Großbritannien einfach das Liebste ist (Stichwort Authentizität).



Ob daher wirklich öfter die Fäuste sprechen als anderswo kann ich nicht beurteilen. Eingebrannt hat sich der Abend vor St. Patrick's Day, als am River Liffey zwei Freunde von mir ausgeknockt wurden, schon. Es stellt sich also nicht alles so schön wie in keltisch-koboldiger Kleeblattverklärung (ka-ching) dar. Was in meinem Studienort Tallaght außerdem erkennbar war: In einer Stadt, die quasi am Reißbrett entworfen und innerhalb von 30 Jahren ein Bevölkerungswachstum von 5.000 auf 70.000 erlebt hat, ist ein erfülltes Leben durchaus schwer. Es gibt kein wirkliches Stadtzentrum, dafür riesige Harry-Potter-Gedächtnis-Reihenhaussiedlungen. Arbeits- beziehungsweise Freizeitperspektiven sind daher Mangelware und (Drogen-)Kriminalität spielt eine übermäßige Rolle. Sobald ich waschechten Dublinern erzählte, dass ich in Tallaght wohne, schüttelten diese nur mit dem Kopf und sprachen abschätzig vom "Pickel" vor Dublins Stadtgrenzen. Und alle so yeah. 


Abb. 3: Tallaght confidential: Des Pickels schwelender Herd, Keimzelle der Kriminalität (tiefmatt befindet sich im akuten Dramatisierungsstadium, ein Symptom des ausklingenden Semesterstresses, entschuldigt)




Naja, ich habe trotzdem das Beste draus gemacht und mich nicht von witterungsbedingten oder menschlichen Widrigkeiten aufhalten lassen. Und tatsächlich waren die meisten IrInnen (kann man das gendergerecht so schreiben?!) mehr als freundlich zu mir (wer sich jetzt fragt: "wie soll das denn funktionieren? Es gibt doch gar keine Steigerung von freundlich Uschi!", dem sei gesagt: Übertreibung rulez!). Ich wurde warmherzig aufgenommen, durfte sogar im Uni-Team Basketball spielen und in trauter Runde Jägerbomb trinken (Letzteres hätte ich mal nicht so oft tun sollen, dann hätte ich weniger Erinnerungslücken und mehr zu berichten... wie gesagt Übertreibung).



Nun ist also Schluss. Bestimmt werde ich mich in ein, zwei Monaten nach der Zeit in Irland und den USA zurücksehnen. Aber jetzt erfreue ich mich erstmal am Sommerwetter, beklatsche, dass alle auf der rechten Straßenseite fahren und genieße ordentlichen Kaffee und Stulle. Tschüßing. 

Abb. 4: Des Cowgirls ehemalige Küche im Mietshaus zeugt von einer, uns irrational erscheineden, Angst vor dem Ausbruch einer potentiell alleszerstörenden Feuerbrunst, die selbst der alltägliche Regenguss nicht zu stoppen vermag. Sicherheit geht vor. Berlin ist noch nichtmal Feuermelderpflichtig. Was für eine Welt!