Donnerstag, 1. Mai 2014

Gelesen: The Sex Lives Of Siamese Twins

tiefmatts nicht ganz vorurteilfreie Gedanken vor Lektüre des Buches: "Kultbücher" vom Autorenschlag wie Welsh oder Niven sprechen wohl eher Männer ab dreißig an, die von einem wilden Sexualleben träumen ohne vorher eine 180°-Drehung in Richtung Traummann hinlegen zu müssen. Die Protagonisten sind meistens farblose Normalos, die aber einen Funken Talent innehaben und ein Quäntchen Bauernschläue zum Buschfeuer entfachen und alles plattwalzen was ihnen im Weg steht (gehasste Vorgesetzte, Miezen und durch eine Verkettung von abgedrehten Zufällen entstandenen Blutfehden mit Gangsterbossen/gewaltbrereite Exfreunde etc.). Das ist wohl der Bukowskifaktor, der hat es bekanntlich ja auch geschafft jeden noch so ranzigen Säufer mit Schreibmaschine und ohne Geld in die Arme einer willigen, barbusigen Sirene zu manövrieren.

"The Sex Lives of Siamese Twins" Irvine Welsh 2014

Abb.1: Dieses Buchcover...hat am Ende doch seine Berechtigung



 Es geht um eine Fitnesstrainerin namens Lucy die nachts auf der Autobahn in einen bewaffneten Überfall gerät, dem schießwütigen Kerl die Waffe abnimmt und zwei winselnden Gestalten das Leben rettet. Die Heldentat wird von der depressiven, übergewichtigen Lena mit dem Handy gefilmt, die das Video an die Presse weitergibt und Lucy zum Fernsehstar macht.
Lucy ist ein Hardbody und fanatische Fitnessprophetin, wurde vom Vater zu Disziplin erzogen und kennt kein Erbarmen, wenn es darum geht, Couchpatatoes von der Couch auf die Tretmühle zu bekommen, egal wie.
Lena ist ein Mädchen aus dem mittleren Westen, die in Chicago Kunst studiert hat, an den falschen Freund geraten ist, der ihr den Erfolg in der Kunstwelt nicht gönnte und sie nach Miami geschleppt hat um sie fernab von Freunden und Gönnern emotional und finanziell ausbeuten zu können und sie dann abserviert.
Inspiriert von Lucys Heldentat beschließt Lena sich ihren Panzer aus Fett abzutrainieren und heuert Lucy als Personal Trainerin an. Lucy hat grade einen Höhenflug, das Medieninteresse ist so groß, dass sie ein Angebot für eine eigenen Abnehmshow im Fernsehen bekommt. Auf der Höhe ihres Erfolgs schlägt der Wind plötzlich um, als herauskommt, wie es zu der Situation auf der Autobahn kam und in welcher Beziehung die Beteiligten zueinander stehen. Lucy muss zusehen, wie ihr alle Felle davonschwimmen und das kann sie nicht einfach hinnehmen.

Chapeau, Irvine Welsh. Die beiden weiblichen Charaktere sind wunderbar herausgearbeitet. Die bisexuelle, erbarmungslose und doch nicht hohlbratzige Lucy, die immer schon eine Kämpferin war und sich ihre Authentizität bewahrt, egal wie unangebracht es in mancher Situation sein mag. Lena, die man erst wie einen Plagegeist, einen Parasit (aus Lucys Augen) wahrnimmt und die dann doch eine eigene Stimme erkämpft und die Lucy in ihrer Willensstärke und Sturköpfigkeit in nichts nachsteht.
Die Entwicklung der Handlung wird vor allem aus Lucys Sicht, aus Email-Korrespondenzen, Tagebucheinträgen und Briefen und später auch aus Lenas Sicht dargestellt, was den Lesefluss nicht beeinträchtigt, sondern der ganzen Geschichte eine Mehrdimensionalität gibt und auch wesentliche Charakterzüge der Hauptfiguren sehr gut nachzeichnet.
Das Buch war nie langweilig, hat nie an Geschwindigkeit verloren, die Handlung spitzt sich immer weiter zu, aber auch wenn diese ganze Umgebung so oberflächlich scheint, die Botoxbarbies aus Miami, der omnipräsente Medienhype und ein siamesisches Zwillingspaar aus Arkansas und deren vermeintlichen Sexualleben, der aber auch hervorragend als Leitline und Metapher für die beiden Frauen herhalten kann, all das wirkt so übertrieben und doch real, denn für die beiden ist es real und als Leser war es einfach nur amüsant dem Treiben beizuwohnen. Sollte diese Buch verfilmt werden (dann wird es sicherlich sexuell wesentlich kontroverser und realistischer als fifty shades of grey) dann bin ich stark dafür Welshs Version der Besetzung des Zwillingspaares genauso ausgeführt wird, in Hollywood ist es ja schließlich Konsens, dass sechsundzwanzigjährige Frauen sechzehnjährige Mädchen spielen.


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