Sonntag, 3. November 2013

Bücher, Geschlecht und Alter / Ansichten einer Buchhändlerin Nr.1

Im "Top- und Flop"-Post habe ich eine kleine Besprechung des Titels "Knockemstiff" von Donaly Ray Pollock eingefügt. Man kann durchaus sagen, dass Pollocks Bücher nicht zu den Bestsellern auf dem deutschen Buchmarkt zählen (dafür aber Wortdurchfall wie Adler-Olsen oder Rita Falk, aber das ist ein anderes Thema). Am Freitag kam ein aufgedrehter, älterer Herr auf mich zu und hat eine üppige Buchbestellung zu Weihnachten aufgegeben. Die Titel waren allesamt etwas extravagant und mussten über den jeweiligen Verlag bestellt werden, da unsere Großhändler jene nicht auf Lager hatten. So eine Bestellung dauert immer etwas länger und grade englische Titel, die importiert werden, sind bibliografisch eher aufwändig zu ermitteln, da verschiedene Preise verschiedener Anbieter eingeholt werden (ich mache das zumindest so, weil ich dem Kunden das beste Angebot machen möchte). Es wurde also ein langes Gespräch und viele exotische Titel landeten im Bestellpool, bis er dann zum nächsten kam: "Der Autor ist Pollock, mit doppel "L" und das Buch heißt Knackumste (genuscheltes Wirrwarr)" Den erstaunten Gesichtsausdruck des Kundens, als ich ihm dieses Buch (Knockemstiff) in die Hand drücken konnte und ihm noch erzählen, worum es geht und was dieses Buch denn so lesenswert mache, waren unbezahlbar. Überrascht und empört stieß er hervor: "Ich dachte das sei nur ein Buch für harte Männer." Darauf fiel mir nicht mehr ein als "Ich bin halt eine harte Frau." Woraufhin meine Chefin nur zustimmend gelacht hat. Jaja, es ist schon lustig. Aber eigentlich auch traurig, dass wahrscheinlich eine ganze Menge "Harter Frauen" zu Weihnachten "Frauenbücher" geschenkt bekommen, die ihnen wohlmöglich nicht zusagen, grade weil Krimis oder Geschichten der härteren Gangart, per se als Männerbücher gelten und sich wohl nicht jeder traut, diese auch einer Frau zu schenken. Seit mittlerweile 5 Jahren arbeite ich als Buchhändlerin und habe so meine Beobachtungen gemacht. Niemand möchte gerne als oberflächlich bezeichnet werden, aber die Umschlaggestaltung hat einen maßgeblichen Einfluss auf das Kaufverhalten. Ich selbst überlege mir zweimal, ob ich ein Buch kaufe, dessen Inhalt vielleicht gut klingt, wenn das Cover mich nicht anspricht. Guckt man sich die Buchumschläge mal genauer an, sieht man oft schon an der Typografie, der Farbe und Illustration/ Foto an welche Leserschaft es sich richtet. Natürlich gibt es auch "geschlechtsneutrale" Buchgestaltungen, was ich sehr begrüße. 


Abb.1: Scarlett Thoms "going out" gibt es leider nicht in deutscher Übersetzung, ist aber mMn ein Buch, dessen äußere Erscheinung als geschlechtsneutral durchgeht (gelb/ weiß, Schrift etwas schnörkelig, aber nicht zu aufdringlich, Figur hinter der Tür lässt keine geschlechtsspezifischen Attribute erkennen), "Deathless" von Catherine M. Valente wirkt aggressiv durch den Titel "Deathless" und die schwarz-rote Farbegebung, der Vogel mit dem angedeuteten Federkleid, gibt dem Bild doch noch etwas weiches, weibliches (weil weich ist gleich weiblich und hart ist männlich), Woodrells Winters Knochen ist im neutralen schlammgrün/orange/weiß, der Landschaftsausschnitt ist ästehtisch gewählt, das Spiel von Licht und Schatten passt für mich perfekt zum Inhalt


Ich habe einen Kumpel, der prinzipiell nur Bücher von männlichen Autoren liest, da er der Meinung ist, dass Frauen keine guten Bücher schreiben. WTF? Lange habe ich versucht ihm ein Buch zu geben, dass ihn seine Meinung ändern lässt. Mit dem Buch "Das Schwein unter den Fischen" von Jasmin Ramadan habe ich ihn überzeugen können, dass auch Frauen gute Bücher schreiben. Schade, dass dies überhaupt nötig war.


Abb.2: "Das Schwein unter den Fischen" von Jasmin Ramadan, Dumont 9,99 Euro; Hamburger Schnodderschnauze mit viel Humor und eine starke Protagonistin, die um ihr Recht auf Selbstbestimmung kämpft. Umschlaggestaltung: rosa, halbnackte Frau, Regenbogen und Herzchen also ein Buch für Frauen?

(Natürlich denke ich nicht, dass weich gleich weiblich und hart männlich bedeutet, falls der ironische Unterton unter der ersten Abbildungsbeschreibung überhört wurde. )

Ich denke, dass es Bücher für alle Geschmäcker gibt. Natürlich ist es sinnvoll, wenn man gewisse Bücher gewissen Zielgruppen zuordnen kann, denn ich würde Matias Faldbakkens skandinavische Misanthropie-Trilogie nur ungern jemandem empfehlen, der einen schönen Liebesroman lesen möchte. Aber diese Zielgruppenbestimmung hat für nichts damit zu tun, ob der potentielle Leser männlich oder weiblich sozialisiert wurde. Die Hemmschwelle die so für manchen Kunden durch die äußerliche Geschlechstzuordnung durch die Umschlaggestaltung (auch durch gewählte Zitate auf dem Rücken) entsteht ist oft unüberwindbar. Das ist doch schade. Die Kunden, die ich im Laden beraten darf, ließen sich glücklicherweise oft umstimmen, bzw. haben der Empfehlung der Buchhändlerin mehr Vertrauen geschenkt, als der Empfehlung, die offensichtlich durch die Gestaltung aus der Hand des Verlages gegeben wurde. Es ist keine Schande als "Mann" ein Buch wie "Eat Pray Love" zu lesen. Bücher sind dazu da uns zu unterhalten und wenns gut läuft auch unseren Horizont zu erweitern. Aber sie sind nicht dazu da um Geschlechtersterotype noch weiter zu verfestigen. Bis es jedoch soweit ist, muss noch viel passieren.

Als Bonus möchte ich euch noch eines meiner Lieblingsbücher aller Zeiten zeigen:


Abb.3: "Eine Frau bei 1000°" von Hallgrimur Helgason, Tropen Verlag 19,99 Euro (mittlerweile auch als Tb erschienen)

Zuerst muss ich sagen, dass ich das Foto auf dem Umschlag einfach unfassbar cool finde. Eine alte Frau mit lila Haaren, die modern frisiert sind, Kippe im Anschlag und überstylisch mit Karl-Lagerfeld-Gedächtnis-Sonnebrille und Besticktem Kragen überm schwarzen Pulli. Wunderbar unkonventionell. Das Thema Alter wird meiner Meinung nach in der Literatur oft Stiefmütterlich behandelt, eine ernsthafte Auseinandersetzung bzw. einfach ein Buch für ältere Menschen, die mehr umtreibt als der nächste Bingoabend im Pflegeheim (das klingt ganz schön hart, aber manchmal bekommt man das Gefühl, das dies die Wahrnehmung ist, die wir von alten Menschen haben) ist schwer zu finden.
Eine Frau bei 1000° ist im biografischen Stil geschrieben, man lernt die todkranke Herbjörg kennen, die sich auf ihre "alten Tage" an Ereignisse aus ihrem Leben zurückerinnert. Herbjörg ist keine "Oma" im herkömmlichen Stil, sie vertreibt sich die Zeit am Laptop, hat mehrere Fakeprofile auf Facebook, gibt sich als junge, schöne Frau aus und flirtet online mit jungen Kerlen aus Afrika. Nebenbei bucht sie ihre eigene Einäscherung und bewahrt die Handgranate ihres Vaters unter ihrer Bettdecke auf. Sie selbst sagt, sie hat 3 Kinder von 9 Männern bekommen. In ihrem Leben hat Herbjörk viel erlebt, hat die Beatles in Hamburg getroffen, war als Isländerin in Dänemark rassistischen Anfeindungen ausgesetzt und hat ein Kind in Argentinien verloren, sich mit den falschen Männern eingelassen. Jeder Kunde, dem ich dieses Buch empfohlen habe, dachte nach der Beschreibung fälschlicherweise, dass es sich bei "Hallgrimur Helgason" um eine Autorin handelt. Es ist einfach erfrischend, eine solche Geschichte, so poetisch geschrieben über eine alte Frau, aus der Feder eines Mannes zu lesen. Es ist durchaus schwierig dieses Buch an ältere Menschen zu verkaufen bzw. Leuten, die es älteren Menschen schenken möchten. Klar, Krankheit und Tod, das ist etwas mit dem man sich im Alter vielleicht im Alltag schon genug auseinandersetzt. Aber dieses Buch ist viel mehr als nur eine Geschichte übers Sterben und Loslassen, es ist viel mehr ein Weckruf, Leute Mitte zwanzig sollten es genauso genießen können wie Leute Ende achtzig. Ich finde, man kann auch älteren Leuten noch etwas zumuten und vor allem zutrauen. Diese ganzen weichgekochten Hirnzellenvernichter in Form von Telenovelas und "Frauenbüchern" sollten nicht Alles sein, mit dem man sich seine letzte Zeit auf Erden vertreibt.

Danke fürs Durchhalten, tiefmatt