Montag, 2. September 2013

#acowgirlabroad

Howdy!


Da wagt man schon einmal den langen Flug über den großen Teich und dann das: Der Koffer ist nicht mit nach Oklahoma City gekommen, sondern hat sich entschieden, die Nacht über am Umsteigeflughafen in Chicago zu bleiben. Glücklicherweise hatte mir eine gewisse Bloggerin den rettenden Rat gegeben, zwei Schlüpper im Handgepäck mitzunehmen. Und amerikanische Tankstellen verkaufen neben sämtlichen Formen von in Öl gebratenen Würstchen dankenswerterweise auch Zahnbürsten, Seife und Deo-Roller (wohlgemerkt Roller! Spray wird hier scheinbar nicht benutzt).

Nach diesem einschneidenden Erlebnis, das, wie mir von einem US-Bürger versichert wurde, zur amerikanischen Kultur dazugehört wie das Amen in der Kirche (siehe unten), konnte es eigentlich nur noch bergauf gehen (ich hänge sehr an meinen Sachen…). Und das sollte es auch.

Stillwater ist eine amerikanische Kleinstadt wie aus den gängigen Englisch-Lehrbüchern. Großzügig verteilte Geschäfte und Häuser säumen breite, scheinbar mit dem Lineal gezogene Straßen – denn schließlich wird hier mit großer Vorliebe Mustang und Truck gefahren. Fußgänger können zumeist auf einem ebenfalls großzügig ausgelegten Gehweg flanieren. Das wird aber nur im äußersten Notfall praktiziert – oder aber man gehört zur Spezies der (Austausch-) Studenten. In den ersten Tagen habe ich mich noch über die überklimatisierten Gebäude und Autos aufgeregt, dann wurde ich durch die nimmersatte, strahlende Augustsonne und den Durchschnittstemperaturen von 35°C und aufwärts eines besseren belehrt. Jetzt friere ich mit Vergnügen drinnen.

Die Autofahrkultur wird hier bis zum Äußersten getrieben. Nach einem langwierigen Einkaufstrip in der Oase Walmart, machte ich die kuriose Entdeckung dieses Drive-In-Restaurants

Abb. 1:  besagte Essenstankstelle


Man fahre mit einem Motorvehikel in eine Parktasche, bestelle das gewünschte Burgermenü und warte bis eine Bedienung das Essen nach draußen bringt. Westliche Zivilisation at its best. Da konnte ich jedenfalls nur staunen, als ich in den Bus (es gibt wenigstens ein öffentliches Verkehrsmittel hier) einstieg, um gen Apartment zu fahren.

Die Oklahoma State University erstreckt sich über einen beachtlichen Campus und bildet das Herz Stillwaters. Die meisten der um die 20.000 Studierenden, so auch ich, wohnen in sogenannten „dorm rooms“ auf dem Campus. In meiner Apartment-Variante trennen Pappwände vier einzelne Schlafzimmer, zwei Bäder und eine Wohnzimmer-Küche. Es gibt allerdings auch Versionen, wo zwei Studierende in einem Zimmer schlafen. Trotz des erheblichen Preisvorteils habe ich mich dagegen entschieden. Ich bin dafür einfach zu alt…

Der gemeine OSU-Student nennt sich Cowboy, Studentinnen identifizieren sich dementsprechend als Cowgirls. Dominierende Farbe ist Orange. T-Shirts und Hosen in leuchtendem Orange und mit dem Maskottchen Pistol Pete drauf werden hier mit viel Stolz getragen (genauso wie in der unglaublich empfehlenswerten TV-Serie „Orange is the new black“. Ein Hoch auf Netflix!). Ganz groß ist American Football: 

Abb. 2: Die Great Plains sind traditionell fruchtbarer Nährboden für Kürbisgewächse und Profifootball


Die Saison startet im September und wie mir versichert wurde, spielen sich dann unglaubliche Szenen hier ab. Menschen zelten schon am Vortrag auf dem Parkplatz vorm Stadion. Jede Farbe außer Orange ist absolut tabu. Obwohl ich die Regeln und die ganze Euphorie nicht verstehen kann, habe ich mir natürlich schon meine Tickets gesichert. Irgendwie zieht einen der Sog ja dann doch mit.

Es ist ohnehin erstaunlich, wie sportbegeistert die Amerikaner sind. Neben den Sportklamotten, die zu jeglichen Anlässen getragen werden, sind die beherrschenden Themen, wie welche Baseball-Mannschaft gespielt hat und welches Team die College-Football-Liga dominieren wird (da haben die OSU-Cowboys sogar ziemlich gute Chancen. Go Pokes!).

Abb. 3: Im Footballstadion werden Sitzplätze für Studenten der OSU nach deutschem Handtuchreservierungsprinzip freigehalten


Neben Sport gibt es noch ein anderes Thema, das erstaunlich oft in Gesprächen aufflammt: Religion. Ich wurde schon mehrmals gefragt, ob ich gläubig bin und weil ich feststellen musste, dass hier die überwältigende Mehrheit christlich ist, entschuldige ich mich fast schon, wenn ich gestehe, dass ich Heidin bin. Zuweilen verliere ich mich dann in Erklärungen, dass meine Eltern in der DDR aufgewachsen sind und dass dort neben dem Sozialismus schlicht keine andere Religion erwünscht war. Naja, so kann man sich auch den Ruf einer komischen Austauschstudentin erarbeiten. Die Sache mit dem Zu-Fuß-Gehen sowie die anfängliche Unfähigkeit die Tür abzuschließen (von innen per Knopf) und das Fenster zu öffnen (nach oben schieben), tragen zu diesem Image wohl ihr Übriges bei.

Anyway, es macht Spaß hier zu sein. Zwar vermisse ich schon jetzt deutsche Stullen und französischen Wein aber das Leben ist ja schließlich kein Ponyhof. Soweit zu meinen ersten Eindrücken fernab der Heimat. Fortsetzung folgt.